Wo bleibt das FREI im Freitagsgefühl?

Freitagsgefühl erarbeiten
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen? Wo bleibt da das Freitagsgefühl?


Der Cursor blinkt mich an. Schwarz auf weißem Grund. 

Wo sind sie nur, die Ideen für einen gehaltvollen, pfiffigen Blogartikel? Fein säuberlich sind sie notiert, in einem hübschen, überteuerten Moleskine-Journal. Teils gelistet, teils als Mindmap. Im Inspirationsordner auf dem Desktop warten dutzende Fotos und Bildstrecken auf ihren Einsatz. Textfragmente schwirren überall umher. 

Und doch sitze ich nun hier, an einem Freitagabend, völlig übermüdet und habe zum ersten Mal seit anderthalb Jahren keinen Entwurf, keinen Plan und kein Ass in der Hinterhand. Dafür umhüllt die gefühlte Watte im Schädel meine Synapsen, die Erschöpfung lullt die Muskeln ein und die Augen können nur mühsam die verschwimmenden Zeilen entziffern.

Alles in mir schreit nur noch nach Serienmarathon und Sofa, nur um in Minutenschnelle wegzudämmern. Okay, ein kleiner Teil schreit auch laut „Kartoffel!“. Denn in der Nachbarstadt beginnt heute das Highlight des Jahres mit großem Tamtam, Illusionskünstler und Dorfdissen-Feeling: Die Rede ist vom Kartoffelfest in Naunhof. Ich liebe Kartoffeln, Dorffeste, Märkte mit regionalen Produkten und Kinderkarussell.

Feste feiern, wie sie fallen

Mein Freitagsgefühl heute Abend
Das gönn‘ ich mir: Mein persönliches Freitagsgefühl für heute! Absolut ungestellt, sondern ein echter Schnappschuss.

Das Leben in der Großstadt stumpft ab. Wo ein kultureller Höhepunkt den nächsten jagt, wird man irgendwann zu bequem und bewegt sich doch nur zum Späti um die Ecke. Auf dem Dorf hingegen freut man sich über jede Veranstaltung, sei es von der Feuerwehr, dem Oldtimer-Verein oder zum Erntedank. Denn in jedem dieser Events steckt das Herzblut von engagierten Menschen. Solche Veranstaltungen schenken einem das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Man kennt sich, man grüßt sich, man trinkt einen zusammen, man lacht gemeinsam und ist nicht nur ein Gesicht unter Tausenden. Und mal ehrlich, wo in der Stadt treffen denn noch Kasperle-Theater, Luftgewehrpreisschießen und der Wettbewerb um die dickste Kartoffel zusammen? In der Stadt wird alles getrennt: Die Familienfeiern, die Kleinmessen, die Themenabende. Freiwillig auferlegte Segregation und Schubladendenken vom Feinsten! Auf dem Dorf freut man sich über jede Gelegenheit zum gemeinsamen Stelldichein, und die sind vielfältiger und zahlreicher als der überhebliche Großstädter annehmen würde.

Nun gut, aber bevor ich mich in diesen Genuss des kleinstädtischen Festlebens stürze, muss ja noch ein Blogbeitrag her. Es ist manchmal doch paranoid: Um anderen eine Dosis an Freitagsgefühl zu vermitteln, muss die Freitagsgefühl Redaktion selbst auf ihr Freitagsgefühl verzichten.

Doch hey, wie kann ich euch etwas weitergeben, wenn ich es selbst nicht vorlebe?

Den Käfig, den wir selbst bauten…

Freitagsgefühl: Wie frei fühlst du dich?
Freitagsgefühl: Wie frei fühlst du dich?

Also werde ich genau das tun. Statt hochaufgelöster Bilder, aufwendiger Suchmaschinenoptimierung (SEO), langer Recherche, zeitintensiven Interviews und ausgefeilten Texten gönne ich mir jetzt fettigen Ofenkäse und leckere Schweizer Schokolade, werfe mich in mein Lieblingskleidchen, spiele unbeschwert mit meinem Hund und wandle mit meinem Freund romantisch über das Kartoffelfest.

Manchmal setzen wir uns selbst in einen Käfig. Ein Käfig selbst auferlegter Pflichten und Zielvorgaben. Wir erwarten von uns selbst am meisten, gängeln uns mit Perfektion und verpassen so wundervolle Zufallsmomente, die in der Summe das Leben ausmachen. Denn am Ende zählen keine perfekt inszenierten Fotos auf Instagram, keine Like-Steigerungen und Reichweiten auf Facebook, keine vollständig abhgehakten To-Do-Listen auf dem Schreibtisch im Büro. Das alles ist so relativ, wird nie wirklich zufrieden stellen, sondern immer nur ein „mehr, höher, weiter“ einfordern. Wir haben uns so manche Gitterstäbe eigenhändig geschmiedet. Höchste Zeit, sie mal aufzubiegen und auszubrechen. Denn auf der anderen Seite sieht es ja eh immer viel schöner aus. Also hopp, es ist genau JETZT an der Zeit, sie zu erkunden!

2 Gedanken zu „Wo bleibt das FREI im Freitagsgefühl?

  • 02/09/2017 um 15:33
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    Das hast du so schön geschrieben <3
    …du hast vollkommen Recht und wirklich alles richtig gemacht! 🙂
    Ein Hoch auf unsere FREIzeit.

    Liebste Grüße von mir,
    fühl dich gedrückt.

    Antwort
    • 02/09/2017 um 16:46
      Permalink

      Oh liebe Anna! Danke, du bist so lieb! Und vor allem bist du für mich eine riesige Inspiration, dass ich mich überhaupt traue, solche Texte zu veröffentlichen…

      Antwort

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