Digital Nomad „light“

Work-Life-Balance als Experiment: Top oder Flop?

Digitale Nomadin im SelbstversuchFreitag 17 Uhr. Normalerweise würde dies Panik in mir auslösen, nervöses Kribbeln befiele mich und ich würde zu einem ungenießbaren Monster mutieren. Warum? Weil mein Freitagsblog noch nicht existiert, noch nicht einmal Notizen dazu. Aber was wäre das für dein Freitagsblog, wenn er nicht rechtzeitig am Freitag erscheint?

Das sonnige Wochenende ruft, doch ich kann mein Freitagsgefühl nicht auskosten, weil ich es in Blogform pressen muss und die Zeit davon eilt. Doch halt. Heute nicht. Heute genieße ich den Freitag, mein persönliches Freitagsgefühl, spaziere in Seelenruhe durch den lichtdurchfluteten Wald und picknicke mit prickelndem Getränk im Schloßgarten. Wo die Panik hin ist?

Das ist nur eine der Konsequenzen, die ich aus meinem Experiment mitgenommen habe.

Wie ich die Panik verschwinden lassen habe, verrate ich euch heute. Und nein, dieser Beitrag ist nicht akribisch durchgeplant, mehrmals korrekturgelesen und in einem aufwendigen Prozess entstanden. Dafür ist er ehrlich, durch und durch.

Meine Woche als digitale Nomadin

Die Freitagsgefühl Redaktion als digitale Nomadin auf ZeitEine Woche durfte ich nun in das Leben eines „digitalen Nomaden“ schlüpfen. Das sind (verkürzt gesagt) Menschen, die sich überall mehr oder weniger zuhause fühlen und von überall aus arbeiten (können) und das auch tatsächlich tun. Welcher Freelancer träumt nicht davon, mal in der Hängematte chillend zu arbeiten und zwischendurch in den Pool  zu hüpfen, einfach weil er es kann?! Im klaren Wasser den Kopf frei kriegen und sich bei wärmenden Sonnenschein an neuen Ideen und positiven Vibes zu berauschen. Doch funktioniert das wirklich oder wirkt die süße Urlaubswelt zu verführerisch?

Manche Menschen können gar nicht anders, sie lieben die Fremde und brauchen kein materialistisches Zuhause voller sentimentalen Schnickschnack um sich herum. Ich hingegen bin schon stolz, wenn ich ohne Schaden den Mietwagen durch die engen Gassen bugsieren kann.

Anfänger auf Abwegen

Als Digital-Nomad-Anfänger wählte ich eine abgeschiedene Finca als Domizil, um jeglicher Ablenkung wie Sonnenuntergang am Meer zu entgehen. Allein der Weg dorthin scheint wie eine Allegorie auf die gesamte Woche:
Das Leben als digitale Nomadin führt über holprige WegeNach Autobahn und Kreisverkehrwirrwarr gerate ich auf schmale Wege, die sich immer weiter verengen. Dichtes Buschwerk zerkratzt zu beiden Seiten das Auto, der Weg schlängelt sich bergauf und bergab durch die pechschwarze Nacht. Schlaglöcher? Pff, der Weg wird gleich ganz zur Schotterpiste. Hier und da taucht eine meterhohe Steinmauer dicht neben mir auf, mal zeichnet sich ein Abgrund ab und einmal hüpft ein Minikaninchen in den Scheinwerferkegel. Ehrlich, dass ist die gruseligste und engste Straße, die ich je gefahren bin! Keine Wendemöglichkeiten und kein Ende in Sicht.
Work-Life-Balance? Das testet die Freitagsgefühl Redaktion auf einer Finca

Da muss ich durch! Vielleicht hätte ich mir das vorher besser überlegen sollen mit der „abgeschiedenen Finca“. Mit laut aufgedrehtem trashigen Spanisch-Dance-Rap und dem Augen-zu-und-durch-Prinzip erreiche ich mit schlackernden Knien das Ziel.

Durch eine knarrende Holztür werde ich in ein weißgetünchtes Gemäuer geführt und stehe plötzlich in einem Traum von einem Zimmer. Schmiedeeisernes Bett, Holzbalken an der Decke und ein uralter Schrank, in diffuses Licht getaucht. Sofort lasse ich mich fallen und schlafe so tief wie lang nicht mehr.

Urlaub oder Unternehmen?

So fühlte sich in etwa die Experimentwoche an: Ich startete hochmotiviert, nur um sofort festzustellen, dass ich mich festgefahren hatte, noch in Deutschland. Jeder Tag ist dort durchgetaktet, vor lauter Business und Alltag vergisst man sich selbst. Der Druck wird erdrückend und erstickt schließlich jegliche Inspiration, Zuversicht und Leidenschaft. Hier hingegen bewege ich mich im spanischen Rhythmus, achte nicht auf die Zeit, vergesse die Zwänge und die Enge.

Bereits am zweiten Tag erkläre ich mein Experiment als gescheitert. Doch damit hätte ich nie gerechnet: Die Erschöpfung zu akzeptieren ist, wie einen Schalter umzulegen.

Ich tauche ein ins Meer, gluckse vor Freude und Leichtigkeit. Drehe mich, lasse mich treiben, tauche mir die Sorgen von der Seele. Danach lege ich mich mit der nassen Haut direkt auf dem warmen Sand und lasse mich vom Windhauch streicheln. Das Leben ist so viel leichter am Meer!

Mehr Life als Work am StrandVöllig losgelöst von Druck und Stress fließen plötzlich meine Ideen, ich strukturiere mein Business neu, entwickle Strategien für Marketing, Zeitmanagement und stelle Fahrpläne für die nächsten Monate auf. Anschließend belohne ich mich mit einem wundervollen Tag in der vibrierenden Stadt Palma. Zufrieden wie lange nicht mehr sehe ich mich satt an einem rosaroten Sonnenuntergang, versacke in einer freshen Loungebar direkt an der Strandpromenade. Ich fühle mich frei und beschwingt und gar nicht einsam.

Zum ersten Mal seit Langem fühle ich das innere Bedürfnis, mich an meinen Rechner zu setzen und zu arbeiten. Ich bearbeite Mails, networke und merke gar nicht, wie die Zeit verrinnt. Wer hätte das gedacht, Arbeiten macht plötzlich wieder Spaß! Meine Hände flitzen nur so über die Tastatur. Zur Belohnung gibt es diesmal das Highlight der gesamten Woche: Ein mehrstündiger Ausritt. Es geht durch duftende Pinienwälder, vorbei an von der Abendsonne vergoldeten Haferfeldern, durch weiche Sanddünen hinein ins türkisfarbene Meer. Die Pferde plantschen vergnügt (ja das geht!) und ich strahle selbst wie ein Honigkuchenpferd.

Gemeinsam geht mehr!

Coworking Space RayaworxAm letzten Tag fühle ich mich wie eine richtige digitale Nomadin. Ich nehme an einem Meeting in dem luftig leichten Coworking Space Rayaworx in Santanyi teil. Die hellen, freundlichen Räume sprühen nur so vor Inspiration und sogleich fühle ich mich als Teil eines Netzwerkes. Am liebsten würde ich ab sofort genau dorthin meinen Arbeitsplatz verlagern. Auswandern wirkt hier so leicht.

Der Coworking Space wurde vor zwei Jahren von deutschen Auswanderern gegründet. Denn eines ist auf der Insel ein begehrtes Gut: Stabiles W-Lan und Strom! Das Rayaworx bietet noch viel mehr: Hier treffen smarte Köpfe aufeinander, hier fühlt man sich als Teil einer produktiven Gemeinschaft, hier lauern keine urlaubstypischen Ablenkungen. Work hard – play hard – alltime with a smile! Genau das lässt sich hier ausleben.

Coworking Space Rayaworx in SantanyiWer sich überlegt, die Wintermonate in der Sonne zu verbringen oder das Leben als digitaler Nomade in der Light-Version austesten möchte, dem sei das Rayaworx wärmstens empfohlen. Noch dazu liegt es in einer charmanten alten Stadt aus maurischer Zeit mit lebendigem Markt und gemütlichen Cafés.

Nach fünf Stunden produktiven Netzwerkens will ich nur noch eines: Rein ins Meer. Wie praktisch: Zehn Minuten Autofahrt entfernt liegt ein wunderbar verschlafenes Küstenörtchen mit einer traumhaften Bucht, in der es sich hervorragend schnorcheln lässt… Hier tanke ich meine Energiereserven vollends wieder auf.

Mit Motivation, ehrgeizigen Plänen, den Taschen voller Freitagsgefühl und einem neu struktuiertem Business kehre ich nach Deutschland zurück.

Experiment „Digitales Nomadentum“: Top oder Flop?

Mein Fazit?

In dieser Woche lernte ich, mich nicht vor kurvenreichen Holperpisten zu fürchten. Ich lernte, die richtige Parklücke für mich zu finden und beim komplizierten Manöver nicht die Geduld zu verlieren. Und ich entdeckte die Freude am Brettern durch die Landschaft.

Das Autofahren wurde für mich wahrlich zur Metapher für mein (Business-)Leben.

Ich hänge an meinem Zuhause und lasse mich zu gerne ablenken von der Schönheit der Welt. Im Leben warten so viele (herausfordernde) spannende Abenteuer und lebenswerte Menschen darauf, erlebt zu werden. Solche Erlebnisse möchte ich niemals verpassen, weil ich am Laptop klebe. Wenn die Batterien leer sind, lässt sich nicht mehr konzentriert abarbeiten – egal, ob am Meer oder in der stickigen Großstadt.

Eintauchen und wegträumenDoch eine wichtige Lektion habe ich gelernt: Work-Life-Balance ist vielleicht ein überstrapazierter Begriff – und wird vielleicht gerade dadurch unterschätzt. Wer als Freelancer langfristig erfolgreich sein möchte, der muss auf sich selbst acht geben. Der darf sich nicht verlieren in all dem Druck von außen wie von innen. Der muss sich immer wieder neu erfinden – sich und sein Business. Ziele setzen, Fahrpläne entwickeln und Strategien umsetzen. Und an sich selbst und seine Träume glauben!

Und genau darum bahnt sich in mir trotz drohender Deadline keine Panik an: Denn wie kann ich euch vom Freitagsgefühl abgeben, wenn ich selbst nicht danach lebe?! Es muss nicht alles perfekt sein. Sei stolz auf das, was du geschafft und geschaffen hast. Mache Babysteps, statt dir Siebenmeilenstiefel überzustreifen, die dir nicht passen und dich zum Stolpern bringen. Glaube an dich und gönne dir immer wieder Auszeiten. Kleine wie Große.

Ein herzliches Dankeschön

geht an die wundervolle Sylvia von Mindful Mallorca, die mich für eine Woche Teil ihres liebevollen Zuhauses werden ließ! Wer selbst Lust bekommen hat, sich eine Auszeit zu nehmen oder sich als digitaler Nomade ausprobieren möchte, dem sei diese Unterkunft wärmstens ans Herz gelegt. Buchbar hier bei AirBnB.

Wohlfühlort für digitale Nomaden

Time for time out

Work-Life-Balance im Selbstversuch

Die Freitagsgefühl Redaktion testet Work-Life-Balance und arbeitet am PoolFreitagsgefühl! Die Sonnenwärme lullt dich ein, der Windhauch streichelt deine bloßen Schultern. Deine nackten Füße laufen über warmen Stein und tauchen ein in das türkise Wasser des Pools. Dein Kopf? Ist leer. In dir drin ist nichts weiter als die reine Freude über den Moment und das Bedürfnis, tief durchzuatmen. Das ist das Freitagsgefühl.

Jeder von uns braucht mal eine Pause von dem sich ständig drehenden Gedankenkarussell. Damit ist nicht der Jahresurlaub gemeint, wo man sich unter Druck setzt, sich jetzt sofort bitteschön zu entspannen. Nein, es ist die Zeit gemeint, die man sich mal bewusst ausklinkt und sie für sich nimmt (nein, nicht für Haushalt oder Arzttermine…). Eine Zeit, in der man sich frei fühlt. In der man nicht von all der Verantwortung, Pflichten und ToDo’s erdrückt wird. Das ist nicht gleichzusetzen mit Urlaub. Das lässt sich in den Alltag einbauen. Sei es ein Waldspaziergang, Schwimmen oder im Café „Leute gucken“.

Die Freitagsgefühl Redaktion verfeuert mit Leidenschaft und Frohsinn all ihre Energie, um euch diesen kleinen Auszeiten näher zu bringen. Allerdings bleibt da die Sache mit dieser „Work-Life-Balance“ manchmal auf der Strecke. Nun ist es Zeit, nicht länger nur davon zu reden, sondern es tatsächlich auch mal auszuprobieren.

Darum gibt es diesmal keinen ausgefeilten Blogbeitrag, sondern einen schlichten Call-to-Action!

Nimm dir deine Auszeit! Im Großen wie im Kleinen!

Die Freitagsgefühl Redaktion testet das Leben als digitale Nomadin
Die Freitagsgefühl Redaktion macht es vor und lernt für eine Woche die Welt der digitalen Nomaden kennen. Mitten im Nirgendwo – über unbefestigte Schotterpisten – auf einer uralten mallorquinischen Finca klinkt die Redaktion sich aus. Arbeiten mit Laptop am Pool – geht das? Die Freitagsgefühl Redaktion probiert es für dich aus und wird dir davon berichten.

Vielleicht gönnst du dir ja eine kurze Auszeit und fragst dich mal: Wo willst du hin? Wie funktioniert das bei dir mit dieser Work-Life-Balance? Hast du so eine „Working Week“ selbst mal ausprobiert – wie ist es dir ergangen?

Über deine Meinung und deine Tipps freut sich die Freitagsgefühl Redaktion! 🙂

Hiermit ist der offizielle Blogbeitrag beendet. Wie? Du willst mit?

 

Dann steige gedanklich mit ein in den Flieger… 

(es folgt ein super privater Bericht von dem „Ich“ hinter der Freitagsgefühl Redaktion“)

Ab in den Süden und die Welt der digitalen Nomaden kennenlernen„So schnell wie ein Rennauto. Schneller, schneller!“, ertönt es hinter mir. Ein kleines Mädchen feuert die Turbinen an. Und siehe da, der tonnenschwere Blechbauch hebt ab. Vor der Luke leuchten die kleiner werdenden Rapsfelder und plötzlich muss ich grinsen. Ganz tief einatmen. „Oh wie schön die Erde aussieht!“. Das kleine Mädchen fliegt zum ersten Mal und freut sich über jede Wolke, durch die wir segeln.

In der Abflughalle lauerten zwei Sorten Menschen. Die Ernsten mit weißen gestärkten Hemden und die Bunten mit Kinderwägen und aufgeregt umherhüpfenden Kleinkindern. Oh welche Überraschung, wer nach Frankfurt und wer in die Sonne fliegt. Habe ich Glück?

Die Reihe teile ich mir mit dem wohl einzigen Anzugmenschen im gesamten Flieger. Vielleicht so alt wie mein kleiner Bruder, aber gefühlt einer der gaaanz Großen. Manschettenknöpfe, protzige Uhr und eine Sichtschutzfolie für seinen Laptop. Passt gut zu den zwei Smartphones und der überteuerten Cola-Light, die er sich natürlich bestellt. Auf mein gut gelauntes Hallo entgegnet er ein überhebliches Lächeln. Klar, ich trage Strohhut, korallenfarbenen Nagellack und muss in seinen Augen ein typischer Massentourist sein.

Auch ich musste beim Anblick der anderen Urlauber zunächst in mich hinein schmunzeln; stellte mir vor, wie sie eine Woche Hotel und Sonnenbrutzeln vor sich haben, sich abends an den vollen Buffetreihen vorbei schieben. Die totale Erholung. Für mich echt gar nicht. Ich bin ja vieeel cooler, weil ich zum Arbeiten auf die Insel fliege. Hui wie versnobt. Diese Überheblichkeit ist ätzend. Das merke ich gerade an meinem Sitznachbarn. Wie er da sitzt und sich gut fühlt, wie sein Anzug und sein Businessklimbim ihm als Schutzschild dienen.

Dabei sitzen wir alle mit dem gleichen Ziel im Flieger. Nur weil wir in unsere Laptops tippen, nutzen wir die Zeit nicht unbedingt effektiver. Sich freuen über die leuchtenden Felder, tief durchatmen und den Moment ganz bewusst genießen. Zu wissen, dass man sich diesen Platz hart erarbeitet hat. Lieber so, als alles als Nichtigkeiten herunterzuspielen und dabei sich doch nie so hundertprozentig eine Auszeit gönnen können.

Work-Life-Balance?!?

Freitagsgefühl bedeutet, sich Auszeiten für sich zu gönnen. Im Kleinen wie im Großen. Wie Social Media von der perfekten Work-Life-Balance überquillt! Tolle Tipps für tolle Auszeiten und permanent intstagramtaugliche Erlebnisse. Für viele scheint jeder Tag irgendwie super effektiv und zugleich total lifestyle zu sein. Supergesundes Frühstück und Yoga am Strand, teure Technik gepaart mit teuren Statussymbolen als Zeichen des Start-Up-Erfolgs. Scheinbar zufällige Schnappschüsse, die in Wahrheit oft stundenlang vorher minutiös drapiert werden. Das Leben der anderen wirkt so prallgefüllt mit Erfolg und Erlebnissen, da kommt das Eigene einem plötzlich so losermäßig vor. Bevor das Selbstmitleid ausbricht, lieber schnell den Beitrag „gestresst?“ von Anna Stressfrei lesen!

Allerdings: Im Vergleich mit den anderen justiert man sich neu. Vor allem in der schillernden Social-Media-Welt: Welche Tipps und Tools integriere ich in mein Leben? Welche rote Linie durchzieht meine Instagrambilder (in meinem Fall: keine!), wie kann ich mir meine Marke, mein Business und mein Marketing genauso professionell aufbauen wie DIE da im Bildschirm, die ständig bei Facebook & Co aufploppen?
Puh, vielleicht ist es wirklich an der Zeit für eine Auszeit. Distanz schaffen. Will ich wirklich moderne Still-Leben in rosé posten oder will ich nur die Likes steigen sehen? Schreibe ich mehr so, wie es gut ankommt oder bleibe ich authentisch, auch wenn ich dadurch nicht alle Strategien ausnutze, um mein Business optimal voranzutreiben?

Sind wir ehrlich: Ich bin nicht immer diszipliniert, ich bin nicht immer gut gelaunt und ich habe zu viele Nächte und Wochenenden der Arbeit gewidmet, statt mein eigenes Freitagsgefühl zu leben. Doch wo will ich überhaupt hin? Eigentlich will ich gar nicht so werden wie mein Anzugtyp neben mir. Er hält sich für bahnbrechend toll und erfolgreich und begießt das mit Cola-Light. Er gibt den perfekten Schein nach außen ab. Neben ihm fühle ich mich so klein und unbedeutend. Lese Mädchenromane statt Fachbücher und vermisse Hund und Freund, statt fleißig jede Minute im Flieger für die Arbeit zu nutzen. Aber hey? Vielleicht ist er nur ein armes Würstchen in einer Bankfiliale*** und wird einzig glücklich durch das Feiern seiner Statussymbole. Das muss anstrengend sein.
Ich hingegen bin frei und ich habe so viel Know-how und Professionalität in mir, dass es nicht unbedingt auch nach außen sichtbar sein muss. Ich bin mehr als nur mein Business. Ich bin auch das fröhliche Surfergirli, die bunten Nagellack liebt und entspannte Surfmugge zum Texten hört. Beide Seiten haben in meinem Leben Platz. Auch wenn das vielleicht meinen Social Media Durchbruch versaut. Und weil wir gerade so furchtbar authentisch sind:

Als Freitagsgefühl Redaktion plädiere ich immer so sehr für Auszeiten, Kopffreikriegen und mutig sein, seine Träume zu verwirklichen. Höchste Zeit dies selbst einmal zu tun! Darum sitzt die Freitagsgefühl Redaktion nun im Flieger. Vom letzten Geld spontan gebucht. Nicht zum Faulenzen, sondern um abgeschieden in einer Finca die Träume, Arbeitsweisen neu sortieren und sich zu befreien von dem alltäglichen Druck. Und natürlich – da bin ich denn doch zu sehr selbstständig – zum Abarbeiten von Projekten ohne die Ablenkungen des Alltags. Die Woche wird ein Selbstversuch: Mal ausbrechen aus dem stressigen Alltag und sich nicht zermalmen lassen von Routinen. Das Leben der digitalen Nomaden klingt verlockend, doch funktioniert das: Arbeiten am Pool?

Du möchtest wissen, wie das Experiment ausgeht? Dann lies dich doch nächste Woche wieder rein und hinterlasse solange deine Tipps und Tricks für mehr Work-Life-Balance 🙂

*** Das „arme Würstchen“ ist übrigens ein Münchner und „Unternehmensberater“ (sponsored by Papa), der zu einem Firmenjubiläum mal eben nach Spanien fliegt. Na klar…

Zwei Welten

Wie viel Unterschied tut gut?Deine Welt - meine Welt? Ein Gastbeitrag von AnnaMaria

Heute feiert der Freitagsblog eine kleine Premiere. Lasst euch überraschen von den folgenden Textzeilen, denn sie stammen erstmals nicht aus der Feder der Freitagsgefühl Redaktion.
AnnaMaria entführt euch in diesem Gastbeitrag in die Welt eines Liebespaares – oder eher in zwei Welten?

Moment mal, Gastbeitrag? Was, wie, wo, wer, warum lest ihr weiter unten.

 

Lieber Tom,

nun ist unsere Trennung drei Wochen her und ich denke viel über uns nach. Wir stammen beide aus unterschiedlichen Welten. Wir sind wie Romeo und Julia, wie Pyramus und Thisbe, wie Tristan und Isolde, wie Bonny und Clyde.

Jeder lebte in seiner Welt doch recht glücklich. Bis er auf den jeweils anderen traf und sich Hals über Kopf verliebte. Jetzt leiden wir aufgrund der Umstände, wie sie sind. Wir streiten über Moralvorstellungen, welche Werte wir haben, wessen Welt die „bessere“ ist.

Es gibt kein „besser“ oder „schlechter“. Es gibt nur anders. Wir leben jedoch in einer Welt, in der doch alles gleich sein soll. Angepasst. Kompromissbereit. Perfekt.

Wir suchen den perfekten Partner für uns und unser Leben. Das Puzzleteil zum Glück. Unsere Großeltern hatten nicht so viel Glück, aber auch nicht so viele Möglichkeiten. Sie hatten vor allem nicht so viel Auswahl, keine Computer, die ihnen sagten, wen sie daten sollten.

Ist das überhaupt „Glück“? Gehen wir denn Bindungen überhaupt noch ein? Stellen wir uns die richtigen Fragen? Müssen wir in Allem immer einer Meinung sein? Ich dachte für mich immer: „Ja, auf jeden Fall“. Sagen das nicht auch all diese Romane, die Fachliteratur, die Magazine?

Man braucht als Paar Gemeinsamkeiten, Übereinstimmungen, gleiche Rituale, die uns verbinden. Aber was ist eigentlich mit der Liebe, mit dem Gefühl? Wenn die Bindung durch das Gefühl und das Gefühl durch die Bindung entsteht beziehungsweise vorhanden ist; ist das nicht mehr, als man sich wünschen sollte?

Und doch steht so vieles zwischen uns und wir kämpfen jeden Tag dagegen an. Gegen Vorurteile und Stolz, festgefahrene Muster, Ängste, unterschiedliche Moralvorstellungen. Wir haben so viel geredet und kommen doch nicht weiter. Wir sind beide Dickköpfe und glauben, wir wissen es besser als der andere.

Zwei Welten: Ein Gastbeitrag von AnnaMariaUnd dann trennt man sich, weil die Kluft zu groß ist. Und man hofft, es kommt jemand in unser Leben, der besser passt. Aber wie oft kann ein Herz das ertragen? Wie oft ist man wirklich bereit, jemanden an sich heranzulassen? Nutzen unsere Gefühle irgendwann ab? Lohnt es sich nicht vielleicht doch zu kämpfen? Um das was ist, anstatt um das, was sein könnte?

Sollten wir es nicht wie unsere Großeltern machen, die sich aufeinander einließen und zusammenblieben? Bei ihnen fügten sich zwei Puzzleteile zu einem Stück zusammen, mit der Zeit, mit Geduld, mit Verständnis und mit viel Liebe füreinander.

Das Leben besteht aus Millionen Kompromissen, weil wir in Gemeinschaften leben, weil wir uns gegenseitig unter die Arme greifen können und wollen. Es ist schöner zusammen als allein, geteiltes Leid ist nämlich wirklich auf der Gefühlsebene halbes Leid. Und Menschen zu haben, die sich füreinander interessieren, die den Mut haben, die Sicht des anderen zu verändern; solche Menschen sind so viel mehr wert als alles Gold der Welt.

In Liebe,
Deine AnnaMaria

Hey, Moment mal… Gastbeitrag???

Mehr Mut in unserer Welt verteilen! Ein Gastbeitrag. Okay, der Freitagsblog ist keiner dieser glitzernden Rosa-Mädchenblogs mit Beautytipps und Produkttests. Thematisch lässt er sich kaum einengen, der einzige rote Faden heißt Freitagsgefühl. Doch was hat das mit einem fingierten Liebes- oder Abschiedsbrief zu tun?

Eine ganze Menge. Denn in diesem Gastbeitrag traut sich die Gastautorin, intime Gedanken mit uns zu teilen. Sie fasst den Mut, ohne professionellen Backround einen eigenen Text der Öffentlichkeit preiszugeben. Die echte AnnaMaria hilft als Schulbegleiterin autistischen Kindern und stößt hier auf viele andere Welten. Für sie persönlich ist das Schreiben eine neue Welt. Es braucht Mut, seine Komfortzone zu verlassen. Wie viel, lest ihr in dem Blog von Kat van Himbeeren.

 

Mut machen, das will der Freitagsblog.

Die Welt dreht sich irre genug, da verdrehen sich oben und unten bisweilen; die eigenen Träume und Realitäten stehen Kopf. Umso mehr braucht es ab und zu eine Dosis an Freiheitsgefühlen und Zuversicht. Das Freitagsgefühl eben.

Mut macht die Geschichte von AnnaMaria allemal: Sie appelliert zum einen an die wärmende Empathie und Offenheit in uns. Zum anderen beweist sie, dass man kein Profi sein muss, um Neues zu wagen.

Du willst schon so lange Klavierspielen können, eigene Ausmalbücher entwerfen oder deine eigene Story veröffentlichen. Du traust dich aber nicht, weil du darin eh nie erfolgreich sein wirst? Vergiss die Perfektion und probiere es mit Spaß an der Freude. Probiere es aus, probiere dich aus. Am besten gleich dieses Wochenende!

 

Wovon träumst du und traust dich nicht, es umzusetzen?

Die Freitagsgefühl Redaktion freut sich über deinen Kommentar! 🙂
Was willst du eigentlich gerne mal ausprobieren und woran scheiterte es bislang?

AnnaMaria bezieht sich auf Bonnie und Clyde & Co. Hand aufs Herz, in welchem verrückten Liebespärchen findest du dich wieder? Die Website Liebewohl hätte da ein paar Inspirationen… Viel Freude beim Schmökern 😉

Vielfach kleine Kostbarkeiten

Der Traum vom eigenen Laden wird Wirklichkeit in einem Fach

Vielfach: Vielfältiges in vielen Fächern
Zwei Trends überfluten uns in den letzten Jahren: kreative DIY-Handwerker und Sharing-Projekte. TeilAuto, AirBnB, DaWanda, Kreativmärkte. Kennt jeder, war schon jeder. Seit vier Jahren gibt es nun in Leipzig mitten in der Südvorstadt einen Laden, der beides verbindet:

Eine Ladeninhaberin teilt bzw. vermietet ihre Verkaufsflächen temporär an kreative Handwerker und junge Labels. Der Name ist dabei Programm: VIELFACH. Aufstrebende Designer und Künstler, Grafiker und Start-Upler können sich hier zeitbegrenzt ein Fach, eine Kleiderstange oder eine Stellfläche mieten.

Vielfältiges Angebot im Vielfach„Mir geht die Hektik der Kreativmärkte auf die Nerven“, gesteht die Inhaberin Simone Stephan. So eröffnete sie einen Laden mit Pop-Up-Konzept, in dem jederzeit ohne Gedränge und Gewühle nach schönen Dingen und unikaten Geschenkideen gestöbert werden kann. Da monatlich neue Künstler und Kostbarkeiten auftauchen (pop up), bleibt die Entdeckungsfreude in den Regalen groß.
Zugegeben, diese Idee ist nicht neu. Gerade in Berlin sprießen Läden mit gleichem Konzept an allen Straßenecken. Doch die Geschäfte bilden keine feste Gemeinschaft, sondern sind unabhängig in ihren Arbeitsweisen und ihrer Philosophie.

 

Vielfache Vielfalt vervielfältigen

Vielfach: Raum für Designer und DIYDer Leipziger Vielfach verfolgt seine ganz eigene Philosophie. Primäres Ziel ist nicht das Vollstopfen der Regale, sondern ein stimmiges Wohlfühlkonzept und faire Chancen für aufstrebende DIY-Pioniere. Das funktioniert nicht ohne Transparenz. Daher ließ die Ladenbesitzerin eigens eine Software entwickeln, mit der jeder Mieter selbst jederzeit den Verkauf seiner Ware online überprüfen kann.
Die Idee zu dem Konzept kam Simone in Berlin, doch der Anlass ist ein trauriger. Seit mehreren Jahren betreibt sie ein Kindermodegeschäft in Schleußig und musste mitansehen, wie das Ladensterben um sich griff. Zugleich erhielt sie zunehmend Angebote, handgefertigte Kindersachen mitzuverkaufen.
Simone zollt der Leistung großen Respekt, doch der Verkauf von handgemachter und industriell erzeugter Kleidung gleichzeitig lohnt sich nicht, zu gewaltig ist der Preisunterschied. Wieso also nicht einen Laden wiederbeleben und handgemachten Produkten einen Raum geben?

 

Die Karli wird vielfältiger

Zu Beginn war das Publikum in der Südvorstadt so bunt zusammengewürfelt wie die Aussteller. Im Laufe der Zeit stieg die Wertigkeit und die Kundschaft wurde jünger und spezialisierter.
Nicht jeder kann hier seine Ware ausstellen. Die Inhaberin arrangiert liebevoll und stimmig die einzelnen Produkte. Sie müssen zum Konzept passen und wertig sein. Innere Konkurrenz ist dabei tabu, genauso wie Vintage. Zum Verkauf steht nur handgefertigte Neuware, was die angesagt Upcycling- und Recyclingware natürlich nicht ausschließt. Um den Bestand aufzustocken und vielfältiger zu gestalten, finden sich auch Novitäten, die die Inhaberin auf Designermessen entdeckt und gezielt anspricht bzw. einkauft.

 

Der Traum vom eigenen Laden beginnt mit einem eigenen Fach

Mieter und Vermieter im Vielfach
Fachmieter und Fachvermieter im Vielfach

Wie funktioniert denn nun so eine Fachvermietung? Regalfächer in verschiedenen Größen, Kleiderstangen und Stellflächen können wochenweise und monatsweise angemietet werden. Gerade für Newcomer empfiehlt sich eine Testphase von drei Monaten. So bleibt genügend Zeit zum Kennenlernen und Weiterempfehlen. Zum Service gehören neben der speziellen Software zur Verkaufsüberprüfung unter anderem die Etikettierung, Kundenverpackung, Zahlungs- und Abrechnungssystem sowie der aktive Verkauf.

Für die Aussteller lohnt sich das Geschäft, denn sie erhalten neben der Verkaufsfläche in Toplage auch Unterstützung in Fragen der Preisbildung, Präsentation und Vermarktung. Die Verantwortung wird auf diese Weise aufgeteilt. Die Idee kommt gut an: Über 50 % der Fachanmieter sind zu Stammmietern geworden.

Freunde des billigen Sales werden im Vielfach nicht auf ihre Kosten kommen und das aus gutem Grund. Denn gemessen an der Arbeitsleistung sind die meisten Konsumgüter viel zu günstig. Wir alle sollten uns eines neuen Gefühls für das Verhältnis von Preis und Arbeitsleistung bewusster werden. Angesichts all der Unikate fällt dies viel leichter. Erst recht, wenn plötzlich die Künstlerin selbst vor einem steht…

 

Schmuck, Schmuckkästchen, Snyggkästchen

Mieterin im Vielfach: Sara von Snyggkästchen
Fachmieterin Sara von Snyggkästchen

Genau so erging es der Freitagsgefühl Redaktion. Exklusiv konnte sie miterleben, wie so eine „Fachübergabe“ abläuft. Denn Sara vom Snyggkästchen brachte gerade neue Ware: Feingliedriger Schmuck in süßen Dekorschachteln. Zunächst mussten die Schmuckstücke perfekt inszeniert werden: Wie hängen wir die Ketten auf und wie positionieren wir die Schachteln?

Anschließend wurde gemeinsam über die Preiskalkulation gefachsimpelt. Nun nur noch die Ware einbuchen, Etiketten drucken und befestigen und los geht es mit dem Verkauf!

Sara liebt ihr Nebengewerbe. Sie vertreibt ihre Kostbarkeiten auch in anderen Vielfach-Stores in Berlin und Jena und in den sozialen Netzwerken. Im Leipziger Vielfach fühlt sie sich besonders wohl. „Hier passt es einfach super rein. Einen eigenen Laden will ich noch nicht. Aber es funktioniert gut, ich komme momentan gar nicht so recht mit der Produktion hinterher.“

 

Dankeschön zum Muttertag

Schmuck von Snyggkästchen im Vielfach
Schmuckschätzchen von Snyggkästchen

Wie praktisch, dass der Muttertag ansteht. Da wird es doch höchste Zeit, sich auf Entdeckungstour zu begeben in die vielfältige Welt des Vielfach-Stores:
Vielfach: Karl-Liebknecht-Str. 66, 04275 Leipzig
MO-FR: 11:00-19:00 Uhr, SA: 11:00-16:00 Uhr

Huch, eure Lieblingshandtasche ist wieder raus aus dem Regal? Lieber up-to-date bleiben und keine Trends mehr verpassen. Geht ganz einfach mit Facebook:

Vielfach: Facebookseite
Snyggkästchen: Facebookseite

Pause mit Einkommen?

Selbst & ständig: Die Selbstständigkeit und ihre Vorurteile

Teil 2 der Blogserie „mehr als selbst und ständig“

Selbstständigkeit: Arbeit oder Pause mit Einkommen?In Jogginghose und Kuschelpulli morgens mit der dampfenden Kaffeetasse zum Schreibtisch schlurfen und versonnen romantische Texte vor sich hintippen. Zwischendurch anregende Blogs im Internet lesen und Fotos von super gesundem Morgenfrüchtechiasamenmüsli posten. Stilecht mit frischen Blümchen und edlem Geschirr natürlich.
Tagsüber dann draußen spazieren gehen um Inspirationen zu tanken oder ein kreatives Mittagsschläfchen halten. Nachts im Schein der Schreibtischlampe grandiose Ideen produzieren und überdimensionale Auftragsbücher hingebungsvoll gestalten.

So sieht doch der „Arbeitstag“ eines Selbstständigen aus – oder etwa nicht?

Schwarzgeldmillionär oder Jogginghosen-Assi?

Entweder leben wir von Hartz IV oder wir sind Schwarzgeldmillionäre. Wir haben quasi die ganze Zeit Urlaub und sollen zugleich ständig erreichbar sein. Klar haben wir gefälligst auch an Feiertagen und Wochenenden zu arbeiten. Heißt doch so schön „selbst und ständig“; selbst schuld, wenn wir uns selbstständig machen. Wir hätten ja auch einen „richtigen Job“ machen können.
Apropos, ist denn diese Bewerbung für die sichere Beamtenstelle schon verschickt? Selbstverwirklichung und das bisschen Schreiben machen doch die anderen auch als Hobby nebenher. Aber solange du zuhause rumlungerst, könntest du da nicht gleich noch den Haushalt mitmachen, dich um die alte Damen nebenan kümmern und das Nachbarskind aus der Kita holen? Ach ja, und ich hätte da noch einen Text, da kannst du doch mal ganz kurz drüber gucken, unter Freunden macht man sowas doch mal…
OK, halt, durchatmen. Laut IFM sind etwa vier Mio. Deutsche selbstständig tätig, darunter 33,2% Frauen (2015). Knapp 2,3 Mio.(BMAS) arbeiten als Solo-Selbstständige. Klar, dass jeder seinen eigenen Ablauf verfolgt und es bei den einen hui und bei anderen pfui läuft. Auch Lehrer ist nicht gleich Lehrer. Jede Berufsgruppe züchtet ihre Vorurteile, doch selten prallt so viel Unwissenheit auf Klischee wie im Mythos der Selbstständigkeit.
Die Freitagsgefühl Redaktion hat sich im sozialen Netzwerk mal umgehört, mit welchen Floskeln und Phrasen denn am liebsten um sich geworfen wird. Sämtliche Zitate sind den Gruppendiskussionen entnommen.
Eines vorweg: Nicht alles lässt sich weglächeln und gerade den Einzelkämpfern rauben unbedachte Bemerkungen Zuversicht und Selbstbewusstsein. Die hohe Emotionalität in den Diskussionen zum Thema überraschte die Redaktion und verdeutlicht einmal mehr, wie sehr viele mit dem Stempel „selbst(und)ständig“ hadern.

 

Wenn die Arbeitswelt wackelt…

Vorurteile zur Selbstständigkeit: Wandel in der ArbeitsweltDoch wie kommen diese zumeist negativen und manchmal schlicht falschen Vorurteile überhaupt zustande? Jeder kennt Vorurteile. Manche sind wahr, manche weniger. Manche sind zum Schmunzeln, manche nervig und vieles entsteht aus Unwissenheit. Da verbinden sich Sehnsüchte mit Neid und heraus kommen verzerrte Projektionen der eigenen unerfüllten Wünsche. Die Arbeitswelt wandelt sich und die etablierten Bilder von sich und anderen beginnen zu wackeln. Tradition und Moderne krachen aufeinander: Früher galt selbstständig als Synonym für „reich“ und eine Festanstellung als „sicher“. Heute löst sich alles auf.

Anstellungen sind befristet und nicht wenige Freiberufler kratzen am unteren Existenzminimum. Eigentlich klar umrissene Berufsbilder weichen heute auf. So lässt so manche Stellenanzeige den Anwärter ratlos zurück. Selbst der Hausmeister heißt nun (Facility) Manager…

Wir leben in einer Zeit, in der einerseits alles möglich scheint und andererseits nichts dauerhaft beständig bleibt.
Was macht die Arbeit in Deutschland aus? Selbstverwirklichung und Potenzialausschöpfung? Nein, hier sind die meisten doch recht konventionell: Geld, Zeit, Status. Darum drehten sich denn auch so gut wie alle genannten Vorurteile.

 

„Du bist doch eh zu Hause, da könntest du doch mal schnell….“

Selbstständigkeit: Bequem arbeiten, wo du willst? Allen Vorurteilen voran gestellt sei der Klassiker „selbst und ständig – selbst schuld“. Viel spannender ist jedoch der Gegensatz in den Zeitvorstellungen. Einerseits haben Selbstständige in den Augen anderer immer Zeit. Sie können sich den Tag frei einteilen, deshalb können sie sich jederzeit nach den Terminen anderer richten und immer Urlaub machen. Ausschlafen ist sowieso täglich drin.

Und wo sie eh zuhause rumhocken, könnten sie doch schnell mal … Kinder hüten und den Haushalt schmeißen etc.
Andererseits ist es völlig unverständlich, wenn Freitag um eins nicht der Stift fällt und die Arbeit auch vor Wochenenden und Feiertagen nicht hält. Die Grillparty absagen wegen einer Deadline? Pah, das ist doch bloß eine Ausrede…
Immer erreichbar sein, das erwarten die Kunden. Mal das Handy ausschalten, wünschen sich die Angehörigen…

 

„Warum suchst du dir keinen richtigen Job?“

Die geringschätzigsten Äußerungen werden gerne in pseudo-Ratschläge verpackt.

  • „Das ist ein Beruf? Ich dachte, Sie hätten was studiert?“
  • „Warum suchst du dir keinen richtigen Job? Sowas machst du als Akademikerin? Du könntest viel mehr verdienen, wenn du Beamtin wärst.“
  • „Willst du nichts richtiges arbeiten?“
  • „Und wie gehts dir? Jetzt, wo du nur noch zu Hause bist?“

All diese vermeintlich gut gemeinten Anstöße schreien nach mühsamer Rechtfertigung, die ja doch auf taube Ohren stoßen. Schlimmer wird es nur noch „hintenrum“. Wenn die Nachbarn und Familie Homeoffice mit Nichtstun gleichsetzen, sich ihre eigenen Geschichten vom faulen Assi zurechtlegen und weiter tratschen. Klar, wer den ganzen Tag zuhause ist, lebt zwangsläufig von Hartz IV… Da kommt dann gern auch mal ein „Was weißt du schon, durchstehe du erstmal den harten Büroalltag!“.
Nicht immer steckt Niedertracht dahinter. Viele projizieren lediglich ihren eigenen Habitus. Wem die Selbstdisziplin fehlt, der wird sich nur schwer in andere hineinversetzen können. Doch Horrorszenarien und ein skeptisches „mal sehen, wie lange das gut geht“ nagen an dem Selbstwertgefühl – dabei ist das für Entrepreneure existenziell.

Gerade zu Gründungsbeginn kann mangelnde Wertschätzung zerstörerisch wirken. So kommentiert eine Freiberuflerin: „Leider muss man erst Erfolg haben, bevor man Zustimmung erfährt, schöner wäre es, von Freunden und Familie schon von Anfang an unterstützt zu werden. So werden nur die Zweifel gestärkt. Ich war deshalb am Anfang völlig panisch, habe schlecht geschlafen – die Nerven hätte ich mir sparen können.“

 

„Wenn ich mal Zeit habe, schreibe ich auch ein Buch“

Wer träumt nicht davon, sein Hobby zum Beruf zu machen. Ohne Leidenschaft und Enthusiasmus überlebt keine Selbstständigkeit. Doch ein Profi muss davon leben können. Er bietet fachkundige Leistung und führt sein eigenes Unternehmen mit allem drum und dran wie Marketing, Vertrieb, Buchhaltung und Controlling. Doch in den Augen vieler Freizeitamateure trinken wir den ganzen Tag Soja-Latte im Café und basteln ein bisschen herum an Dingen, „die andere auch machen und trotzdem zur Arbeit gehen“. Die folgenden Aussagen hat wohl jeder in der ein oder anderen Variante zu hören bekommen:

  •  „Lektor ist doch gar kein richtiger Beruf. Und überhaupt, wozu braucht man den? Ein echter Autor schreibt doch selbst.“
  • „Was machst du? Texter? Was ist das? Schreibst du Lieder oder sowas? Ist das nicht eigentlich ein Hobby?“
  •  „Wenn ich mal Zeit habe, schreibe ich auch ein Buch.“
  • „Ist doch dein Hobby, wieso willst du dafür Geld haben?“
  • „Kannst du mir mal eine Website bauen? Kriegst auch einen Kasten Bier dafür.“
  • „Hast du nicht Lust, vorbei zu kommen und ein paar schöne Fotos zu machen?“

„Boah, 50 Euro Stundenlohn? So viel möchte ich auch mal verdienen!“

Selbstständige sind schon dekadent: Sie fordern tatsächlich Geld für „Hobbyleistungen“, horten Schwarzgeld und haben Geld wie Heu. „Man verdient sich drei goldene Nasen, und kann natürlich ein dickes Auto, Urlaub im Paradies und eine Villa von der Steuer absetzen.“ Im Vergleich zum eigenen Nettogehalt kommt manchem Angestellten „so ein Stundenlohn einem aber schon sehr viel vor.“
Wer sich hingegen mal die Mühe einer Gegenrechnung mit Rente, Versicherungen, Krankheit etc. macht, dem wird sogleich das Hungertuch ausgebreitet. Einige Freiberufler berichten, dass sie sich ständig rechtfertigen müssten, wie man denn von seinem „Hobby“ überhaupt leben könne.

 

Vorurteil trifft auf Wirklichkeit

Die Freitagsgefühl Redaktion bedankt sich bei allen, die sich rege in die Diskussionen eingebracht haben! Eigentlich sollte es ein munterer kurzer Beitrag über witzige Stereotypen der Selbstständigkeit werden. Doch nur manches lässt sich weglächeln. Manches kann gefährlich werden. Im Gegensatz zu Lehrern, die sich im Kollegium gegenseitig stärken können, sind viele Selbstständige nur auf sich selbst angewiesen. Da kann eine unwissende Degradierung von außen großen Schaden anrichten und bis zu Depression und Burnout führen.
Wäre es daher nicht an der Zeit, endlich mal aufzuräumen mit den Vorurteilen der Selbstständigkeit?
Selbstständige allein in der Kreativszene sind vielfältig: Fotografen, Lektoren, Tontechniker, Grafikdesigner, Texter, Künstler, Musiker, Autoren, Architekten und Coaches führen als Freie ihr eigenes, freibestimmtes Arbeitsleben. Wenn nicht einmal der Arbeitstag in der Freitagsgefühl Redaktion gleich aussieht, wie soll er dann für eine solche enorme Bandbreite an Professionen wahrheitsgetreu dargestellt werden?

Die eine Wahrheit gibt es nicht, sie ist dynamisch und nähert sich mal dem einen, mal dem anderen Vorurteil an. Einige schlicht falsche Äußerungen lassen sich freilich aufklären. Dies wird eines der zukünftigen Themen der Blogserie „mehr als selbst und ständig“ sein, zu denen auch dieser Beitrag zählt. Einige LeserInnen erinnern sich vielleicht noch an den ersten Teil: „Für Texte geb’ ich doch kein Geld aus!“. Und wer nun unbedingt wissen möchte, wie so ein Tag als Texter aussieht, findet im Lettersblog ein paar Hinweise.

Entscheidend ist jedoch, dass wir uns bewusst werden, dass achtlos dahingesagte Floskeln verunsichern und verletzen können. Sie können das Selbstbewusstsein aushöhlen und panische Verzweiflung auslösen. Wichtiger als wütende Rechtfertigungen ist der Aufruf zu mehr Umsichtigkeit und Respekt.

 

Die Freitagsgefühl Redaktion freut sich auf deine Meinung!

Welchen Mythos verbindest du mit Selbstständigkeit? Wo bist du dir unsicher, ob es sich um einen Fakt oder Fake handelt?
Bei welchem Spruch reißt dein Geduldsfaden? Und welchen Konter gibst du dann am liebsten?

Wir können alle profitieren von solchen Dialogen mit Augenzwinkern, wie der von Karoline  😉

Ich sag nur: „Wann lässt Du Dich denn wieder anstellen? Da hast Du wenigstens einen sicheren Job!“
(Antwort: „Heute ist kein Job mehr wirklich sicher.“)
und „Wie, Arbeit soll erfüllend sein? Die ist da, um Geld zu verdienen!“
(ironische Antwort: „Richtig. Einfach stumpf den Job machen und jeden Morgen schon beim Aufstehen ko…“). Natürlich auch das „Ah, dann hast Du ja jede Menge Zeit!“
(Antwort: „Leerlauf bedeutet kein Geld. Ich muss in der Zeit akquirieren etc.“)
Ebenso schön: „Du kannst ja immer Urlaub machen!“
(ironische Antwort: „Genau. Ich muss mich natürlich nicht nach meinen Kunden richten. Ein paar Aufträge weniger – macht doch nichts. Ich lieg lieber am Strand.“)
Insgesamt habe ich das Gefühl, dass eine Selbstständigkeit nur dann positiv besetzt ist, wenn man sieht, dass jemand fett Kohle verdient. Ansonsten wird sie eher belächelt, viele denken, man sei nur zu faul für „echte“ Arbeit oder man würde nichts „Besseres“ finden.