Spatenstich statt Straßenbahn

Annalinde: Gemeinschaftsgarten in LeipzigWie holen wir uns die Natur in die Stadt zurück?

So liebens- und lebenswert Leipzig auch sein mag – es ist und bleibt eine Großstadt. Eine Großstadt mit tiefen Häuserschluchten, Verkehrslärm und stickiger Luft. Die meisten kennen noch nicht einmal ihre Nachbarn im eigenen Wohnhaus. In diesem anonymen Nebeneinander fällt es schwer, anzukommen, sich zuhause zu fühlen und neue Freundschaften aufzubauen. Wer dann noch tagtäglich nur Tastatur, Ordner und Papier in den Händen hält, der verliert leicht mal den Boden unter den Füßen.
Wie gut es da tut, sich zu erden; wortwörtlich seine Hände ins Erdreich einzutauchen und mit den eigenen Händen etwas Reales, etwas Sichtbares zu (er-)schaffen! Ab und zu den Straßenstaub gegen Gartendreck einzutauschen und unverkrampfte Plauschereien mit spannenden Mitmenschen zu halten, gibt dem Großstadtleben eine ganz neue Qualität. Dorfidylle in der Stadt sozusagen. Kein Großstädter, der nicht doch heimlich mal davon träumt, gemütlich in einem blühenden Garten bei einer duftenden Tasse Kaffee runterzukommen von der Alltagshektik.

Sozioökotop: Wenn Übergangslösungen zu sozialen Oasen werden

Annalinde bietet Workshops in Leipzig
Mundraub-Workshop c)Annalinde

Und genau solche Ankerorte gibt es! Gerade Leipzig mit den unzähligen Brachflächen bietet Futter für so manche Träumerei und Start-up-Visionen „auf Probe“ – nämlich in Form von temporären Zwischennutzungen. Genau diese Chance nutzten 2011 eine Handvoll junger Leute und schufen den Gemeinschaftsgarten ANNALINDE : Einen Ort des Zusammenkommens, der Kommunikation und natürlich der Naturverbundenheit. Die heute um die 50 mobilen Hochbeete sind auf Paletten angelegt, sodass sie jederzeit an einem anderen Ort weitergeführt werden können. Doch mittlerweile hat sich dieser Gemeinschaftsgarten als ein fester Bestandteil des Quartiers etabliert, ein „Sozioökotop“ sozusagen, ein Ort für Freundschaften, Umweltbildung und die Freude am gemeinschaftlichen Gärtnern.

Familien sind herzlich willkommen im Gemeinschaftsgarten Annalinde
Garten: Abenteuerreich für junge Familien c)Annalinde

Doch wie funktioniert so ein Gemeinschaftsgarten eigentlich? Dreimal pro Woche stehen die Türen allen offen: Besuchern, Kita- und Schulgruppen, Neugierigen und Naturliebhabern. Es gilt das Almende-Prinzip. Das heißt, alle kümmern sich um alles und dürfen mitnehmen, worauf sie Lust haben. Hier funktioniert das Vertrauensprinzip noch. „Es ist nicht so, dass die Leute kommen und ihren Beutel vollmachen“, erklärt Sebastian Pomm von der Annalinde gGmbH. Meist bleibt es nicht nur beim Gärtnern, sondern oft wird das frische Gemüse direkt vor Ort gekocht und gemeinsam verspeist.
Vor allem am Wochenende bietet der Garten die perfekte Kulisse für einen Familienausflug und den Rückzug in die Natur – mitten in der Großstadt.

Vielfalt: Wenn aus Gemüse Gemeinschaft wird

Doch die gemeinnützige Organisation Annalinde hat weit mehr zu bieten als bloß Urban Gardening. Ziel ist es, „Orte des Austausches und des Lernens zu Fragen des lokalen Anbaus von Lebensmitteln, der biologischen Vielfalt, des nachhaltigen Konsums, des verantwortungsvollen Umgangs mit Ressourcen und einer zukunftsfähigen Nachbarschafts- und Stadtentwicklung zu schaffen. Und das kommt so gut an, dass sich stetig neue Formate entwickeln. So betreiben die Macher zusätzlich ökologischen Anbau in einer wiederbelebten Gärtnerei, die sogar ausbildet. Wer möchte, kann sich eine wöchentliche Gemüsekiste „mit Überraschungseffekt“ bestellen. Sie enthält ausschließlich selbst angebautes Saisongemüse. Zusätzlich wird ab Mai direkt vor Ort verkauft. Wer lokales Gemüse für langweilig hält, wird hier große Kulleraugen bekommen: Allein 35 verschiedene Tomatensorten werden in der Gärtnerei gezüchtet. Über 500 Sorten Gemüse werden über das Jahr angebaut.

Eine ebenso hohe Biodiversität bilden auch die Beteiligten ab. Denn Annalinde leistet wertvolle Stadtteilarbeit: Hier wird ein soziales Miteinander und wechselseitiges Lernen kultiviert. Unzählige Workshops, Exkursionen und Bildungsangebote  gehören genauso dazu wie Spaten und Samen. Selbst Team- und Firmenevents sind auf Anfrage (von Mai bis September) möglich!
Damit die spannende Verknüpfung von Umwelt, Bildung und Austausch gelingt, arbeiten zahlreiche Akteure des Quartiers eng zusammen, wie zum Beispiel die Stadtverwaltung, die Stadtbibliothek, lokale Gastronomen. Weil das gesamte Konzept wirklich bei den Menschen ankommt, erreichte Annalinde sogar die Förderung durch das Bundesamt für Naturschutz und den Europäischen Sozialfonds.

Ankerorte: Wenn aus Gärten Freundschaften wachsenInterkultureller Garten: Ankommen in Leipzig

Das neueste Projekt startet am kommenden Mittwoch und nennt sich Interkultureller Garten. Hier werden Menschen mit und ohne Fluchtbiographie angesprochen. Neben regelmäßigen offenen Gartentagen (Di, Mi, Sa) werden besonders Neuankömmlingen Orte gezeigt, die menschliche Grundbedürfnisse auf niedriger monetärer Basis erfüllen können. So wurde der Tauschladen vorgestelt, soziokulturelle Treffpunkte wie das Frauencafé besucht und potenzielle Ausbildungsmöglichkeiten wie eine Tischlerei besichtigt. Ziel des Ganzen? Orte der sozialen Interaktion näherzubringen, Grund- und Schlüsselkompetenzen zu fördern und anderen helfen, anzukommen. Ein Garten ist dafür ideal, denn die Hemmschwelle ist niedrig und Kommunikation findet hier mehr Wege als nur über die Sprache.

Wer lieber Erdbeeren statt Erdäpfeln beim Wachsen zusieht, der kann eine Baumpatenschaft für einen Obstbaum in der neuen Plantage „Obstgarten“ auf dem Gelände des ehemaligen Plagwitzer Bahnhofs übernehmen. Auch hierfür sprießen die Ideen wie die Errichtung einer Sommerküche und weitere Bildungsangebote. Erst in fünf bis zehn Jahren werden die Bäumchen massenhaft Obst abwerfen. Solange wachsen mit den Bäumen auch die Anzahl der Veranstaltungen.

Back to Nature: Holt euch eure Natur in die Stadt!

Na, ihr habt Lust bekommen auf Vogelgezwitscher und Erdebuddeln? Oder ihr sucht nette Mitmenschen, mit denen ihr euch endlich mal über all die grünen Themen austauschen könnt? Dann kommt einfach vorbei. Am 08. April startet die Saisoneröffnung. Dann lädt der Gemeinschaftsgarten

in der Zschocherschen Straße 12, 04229 Leipzig
(Haltestelle Felsenkeller, Tram 3, 14; Bus 74) am

Dienstag, 16 bis 19 Uhr
Mittwoch, 12 bis 19 Uhr
Samstag, 15 bis 19 Uhr

zum gemeinsamen Mitgärtnern ein. Alle Termine auf einen Blick findet ihr HIER.

Ideal um das schöne Frühlingswetter auszunutzen ist die Aktion „Alles aus Frühblühern“, die am Samstag, 01.04.17 von 10-19 Uhr im Küchenholz stattfindet. Auf einer Radtour geht es auf Erkundungstour mit einer Kräuterpädagogin und anschließender Kochsession.
Mehr dazu findet ihr bei Facebook.

Wer sich lieber direkt mit fertigen Jungpflanzen für Balkon oder Garten eindecken möchte, kann sich ab dem 15. April nach Herzenlust im Westwerk im Jungpflanzenverkauf damit eindecken. Natürlich direkt aus der Annalinde-Gärtnerei 🙂

Nun gibt es keine Ausreden für Frühlingsgefühle mehr 😉

* Illustrationen und Fotos wurden freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch Annalinde gGmbH

Standort der Annalinde Gärtnerei Standort
Standort der Gärtnerei Annalinde im Leipziger Westen c)Annalinde gGmbH

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*